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Rind, die 8.

Studie von Rind et al, 8. und letzter Teil
Kindesmissbrauch neu definiert
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Kindesmissbrauch nochmals überdacht

Bislang wurde in der Forschung Kindesmissbrauch so übernommen, wie sie im moralischen oder gesetzlichen Kontext definiert war. Dieses Konzept ist zu überdenken: Missbrauch kann in der Forschung nur da vorliegen, wo auch ein Schaden vorliegt. „Ein Verhalten als Missbrauch zu klassifizieren, einfach weil es man es als unmoralisch oder ungesetzlich bestimmt, ist problematisch, denn eine solche Klassifikation verwischt die wahre Natur des Verhalten und seine tatsächlichen Ursachen und Folgen.“ (p46)

Die Geschichte bietet hierzu manches Beispiel. Etwa die Masturbation, die früher als „Selbstmissbrauch“ bezeichnet wurde. Diese Einschätzung verhinderte eine wissenschaftliche Erforschung der Masturbation. Ähnlich ging es der Fellatio, Cunnilingus usw, die noch 1952 von der APA als pathologisch, d.h. krank, eingestuft wurden. So ist es beim Kindesmissbrauch, bei dem auch positive subjektive Einschätzungen berichtet werden, bei dem ein hoher Prozentsatz keine Auffälligkeiten zeigt und somit ein Schaden in vielen Fällen nicht erkennbar ist. Es ist daher sinnvoll, Kindesmissbrauch auf diejenigen Fälle einzuschränken, in denen negative Einschätzungen und Symptome vorlagen, und dies gilt bei nicht-einvernehmlichen sexuellen Kontakten. Wenn dagegen positive und negative Folgen in ein einziges Konzept hineingepresst werden, wird ein künstlicher Schaden für die Nichtgeschädigten erzeugt, wie auch eine unzulässige Verharmlosung des Schadens für diejenigen, die wirklich missbraucht und geschädigt worden sind. Daher wäre es sinnvoll, den Begriff Kindesmissbrauch nur dort anzuwenden, wo er auch sinnvoll ist, zB bei Inzestfällen zwischen Tochter und Vater, bei denen man von wirklichem Schaden ausgehen kann.

Tatsächlich gibt es auch andere Forscher, zB Fishman, die nach ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis kamen, dass der Terminus "Kindesmissbrauch", wie sie ihn selbst zunächst verwendet hatten, falsch war. Insbesondere bei Jungen konnte Fishman im Durchschnitt keine Unterschiede zur Kontrollgruppe finden, selbst Tiefeninterviews mit den "Missbrauchten" ergab keinen Hinweis auf eine Schädigung. Daher änderte auch Fishman seine Definition des Kindesmissbrauchs.

In einer späteren Publikation schreiben die Autoren: "Die Schwierigkeiten der wissenschaftlichen Validität des Begriffs Kindesmissbrauch fallen gerade da ins Auge, wo die wiederholte Vergewaltigung eines 5jährigen Mädchens durch ihren Vater mit dem einvernehmlichen Sex von einem 15jährigen Jungen mit einem fremden Erwachsenen in einen Topf geworfen wird. Diese beiden Weisen von sexuellem Kontakt mit einem einzigen Begriff zu bezeichnen, ist unstatthaft, da das erste Beispiel unzweifelhaft Schäden erzeugt, das letztere höchstwahrscheinlich nicht."

Die Autoren plädieren nicht dafür, den Begriff "Kindesmissbrauch" abzuschaffen, sondern ihn stärker an die wirkliche Schädigung binden.
24.3.06 07:48


Rind, die 7.

Studie von Rind et al, 7. Teil
Diskussion
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Diskussion

Es stellte sich heraus, dass im Gegensatz zu den 4 populären Vermutungen über Kindesmissbrauch, die oben vorgestellt wurden, in der Metaanalyse folgendes festgestellt werden konnte:

14% der männlichen und 27% der weiblichen Befragten äußerten Erfahrungen mit Kindesmissbrauch.

1. Es konnte ein schwacher statistischer Zusammenhang zwischen Kindesmissbrauch und psychischen Symptomen festgestellt werden, der allerdings nur 1% Varianz erklärte. Selbst dieser schwache Zusammenhang erwies sich als nichtsignifikant, wenn man Drittvariablen in die Analyse mit einbezieht wie die familiäre Situation. Nicht nur erwies sich der Zusammenhang zwischen Familiensituation und psychischen Problemen stärker als zwischen Kindesmissbrauch und psychischen Problemen, sondern der letztere statistische Zusammenhang verschwand vollständig (= wurde nichtsignifikant), sobald die familiäre Situation konstant gehalten wurde.
2. Andauernde psychische Probleme aufgrund des Kindesmissbrauchs konnten nicht festgestellt werden, so dass Kindesmissbrauch offenbar einen sehr geringen Grad von Effektivität aufweist.
3. Dasselbe gilt für die Intensität.
4. Zwischen Männern und Frauen ergaben sich insbesondere bei den subjektiven Einschätzungen erhebliche Unterschiede.

Diese Befunde basieren auf Massendaten, bedeuten aber keineswegs, dass sie auch für Einzelfälle Geltung haben. Im Einzelfall mag Kindesmissbrauch tatsächlich eine starke negative Auswirkung haben; diese Vermutung widerspricht dieser Metaanalyse nicht.


Geschlechtsunterschiede

In der retrospektiven Sicht empfanden Jungen den Kindesmissbrauch im Durchschnitt als angenehmer als Mädchen. Dieses Muster ist typisch bei verschiedenen sexuellen Aktivitäten von Jungen und Mädchen, zB wenn es um den ersten Geschlechtsverkehr geht, der in Berichten von Mädchen ebenfalls weitaus negativer gesehen wird als in Berichten von Jungen. Jungen erleben Kindesmissbrauch eher als Vergnügen, Abenteuer und Neugierde, während Mädchen dasselbe Ereignisse angstvoll, verwirrend und als Verlegenheit schilderten. Solche Unterschiede beruhen teilweise auf biologischen Unterschieden, aber auch auf unterschiedliche soziale Geschlechtsrollen. Den Kindesmissbrauch betreffend, gibt es allerdings auch verschiedene Formen, die bei Jungen und Mädchen typischerweise auftauchen:

- Mädchen werden häufiger innerhalb des engsten Familienkreises missbraucht (Vater, Onkel etc)
- sie sind beim 1. Kontakt jünger als die Jungen
- die Anwendung von Zwang geschieht bei Mädchen häufiger.

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verschwinden allerdings, wenn man nur nicht-einvernehmlichen Kindesmissbrauch in Betracht zieht, während sie bei einvernehmlichem Sex prononciert auftreten.


Kausalität

Es zeigten sich Abhängigkeiten zwischen Kindesmissbrauch und familiärer Situation, so dass die statistische Kontrolle der Familiensituation dazu führte, eine Beziehung zwischen Kindesmissbrauch und psychischen Symptomen statistisch zufällig zu machen.

An einer solchen Begründung wurde Kritik von Briere geübt. Die Messung des familiären Umfelds kann nicht-reliabel sein, die Stichprobengröße zu klein, der kausale Zusammenhang zwischen Kindesmissbrauch und familiärer Situation unbekannt, die Schwere des Missbrauchs unterrepräsentiert. Die Autoren argumentieren dagegen.

1. der Zusammenhang zwischen familiärer Situation und psychischen Symptomen erwies sich als reliabel.
2. Die Stichproben waren ausreichend groß.
3. In einer Studie von Ageton (1988) wurde gezeigt, dass die Familienprobleme dem Kindesmissbrauch vorausgehen, nicht umgekehrt. Burnam et al (1988) fanden, dass die psychischen Probleme der missbrauchten Kinder vor dem Kindesmissbrauch genauso stark waren wie danach. Bei inzestuösem Kindesmissbrauch kann jedoch die Kausalrichtung auch umgekehrt sein, da sie familiäre Dysfunktionen fördert; bei außerfamilialem Kindesmissbrauch ist der kausale Weg zumeist so, dass die Kinder einem Kindesmissbrauch eher ausgesetzt sind.
In klinischen Studien mit hohem Anteil von inzestuösem Kindesmissbrauch ist die Kausalrichtung daher schwierig zu beurteilen; weniger in der vorliegenden Metastudie, denn der Anteil des inzestuösen Kindesmissbrauchs lag gerade bei 16% aller Kindesmissbrauchsfälle, Geschwisterinzest mit eingeschlossen.
4. Schwere Missbrauchsfälle waren nicht unterrepräsentiert, wie Vergleiche mit Stichproben aus nationalen Untersuchungen zeigen.

Jedoch ist bei der Interpretation der statistischen Kontrolle Vorsicht angebracht:
- eine bestimmte Gruppe von Studenten berichtete durchaus von schweren Verletzungen durch den Kindesmissbrauch
- verschiedene Symptome standen durchaus in signifikanter Beziehung mit Kindesmissbrauch - auch nach der statistischen Kontrolle durch die Familiensituation
- Im Falle nicht-einvernehmlichen sexuellen Kontakts berichteten auch männliche Opfer über psychische Symptome.

Trotz dieser Einschränkungen muss gesagt werden: die Behauptung, Kindesmissbrauch produziere im allgemeinen schweren psychischen Schaden, ist nicht gerechtfertigt.

In einer Studie von Eckenrode et al (1993) wurde festgestellt: „Sie fanden, dass die Art des Missbrauchs, die am stärksten mit psychischen Problemen korrelierten, körperlicher Missbrauch, Vernachlässigigung und sprachlicher Missbrauch war. In den ersten 10 schlimmsten Kombinationen kommt der verbale Missbrauch 7mal vor, physische Vernachlässigung 6mal, physischer Missbrauch und emotionale Vernachlässigung 5mal, wogegen Kindesmissbrauch nur einmal erschien.“


Moderatorvariablen

Multiple Regression zeigte, dass das Verhältnis Kindesmissbrauch und psychischen Symptomen sich unterschied durch

- Geschlecht
- Grad der Einvernehmlichkeit
- und der Interaktion dieser beiden Faktoren.

Hingegen hatte die Art des sexuellen Kontakts keine Auswirkungen; auch bei intensivem sexuellen Kontakt ergaben sich keine andere Auswirkungen als ohne Kontakt. Dass Geschlechtsverkehr schädigt, wird auch von Finkelhor (1979) als gesellschaftliches Vorurteil angesehen.

Weitere Moderatorvariablen waren Gewaltanwendung, sobald die berichteten Reaktionen betroffen sind.
23.3.06 07:13


Rind, die 6.

Studie von Rind et al, 6. Teil
Familiäres Umfeld
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Familiäres Umfeld

Um den familiären Hintergrund als Moderatorvariable zu erfassen, wurden in denjenigen Studien, die überhaupt Daten hierzu erfassten, folgende 6 Kategorien erstellt und deren Ausmaß gemessen:

1. Ausmaß von nichtsexuellem Missbrauch und Vernachlässigung in der Familie
2. Anpassungsfähigkeit
3. Ausmaß von Konflikten in der Familie
4. Familienstruktur
5. Unterstützung und Einbindung
6. Grad des Traditionalismus

Alle Kategorien wiesen eine signifikante Effektstärke zum Kindesmissbrauch auf:

Nichtsexueller Missbrauch ______ .19
Anpassungsfähigkeit __________ .13
Ausmaß von Konflikten _________ .14
Familienstruktur _____________ .09
Unterstützung und Einbindung __ .13
Grad des Traditionalismus ______ .16

mit einer mittleren Effektstärke von r=.13. Diese Daten legen nahe, dass Kindesmissbrauch und schwierige Familienverhältnisse verknüpft sind, so dass man davon ausgehen muss, dass auch Familienhintergrund und Kindesmissbrauch verknüpft sind.

Um den Einfluss der familiären Situation auf die psychische Symptomatik zu erforschen, wurden alle Einzelsymptome mit den Kategorien des familiären Umfelds korreliert. Es ergaben sich Effektstärken von r=.04 bis .49; die meisten dieser Effektstärken waren höher als diejenigen zwischen Kindesmissbrauch und den psychischen Symptomen. Nimmt man die Varianzerklärung als Maß (Quadrat des Korrelationskoeffizienten), dann erklärt der familiäre Hintergrund 9 mal mehr Varianz der psychischen Symptome als der Kindesmissbrauch. Wegen der Heterogenität der Messung der familiären Situation muss diese Interpretation allerdings mit Vorsicht betrachtet werden.

Die Ergebnisse legen den Verdacht nahe, dass das familiäre Umfeld der eigentliche Erklärungsfaktor für die psychischen Auffälligkeiten darstellt und nicht der Kindesmissbrauch, so dass es möglich ist, dass die statistische Verknüpfung von Kindesmissbrauch und psychischen Problemen nichtsignifikant wird, sobald man diese Variablen mit einbezieht. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dass eine signifikante statistische Korrelation zwischen 2 Variablen nichtsignifikant werden kann:

1. die unabhängige Variable (hier: Kindesmissbrauch) ist real oder begriffliche verknüpft mit der abhängigen (hier: die psychischen Symptome), d.h. es gibt nicht bloß eine kausale Beziehung zwischen beiden Variablen, sondern eine innerliche [zB Höhe des Einkommens – Höhe der Steuerzahlungen]
2. die unabhängige Variable ist mit einer dritten Variable verknüpft (hier: Kindesmissbrauch mit Familiensituation)
3. die Drittvariable ist verknüpft mit der abhängigen Variablen (hier: psychische Symptome)
4. die Drittvariable ist mit abhängiger und unabhängiger Variablen verknüpft, so dass ihre statistische Kontrolle die ursprüngliche statistische Beziehung zunichte macht.

[Einschub von mir: ein berühmtes Beispiel ist die statistische Korrelation der Anzahl der Störche und der Geburtenhäufigkeit. Tatsächlich ging die Zahl der Störche in der BRD zurück sowie im selben Zeitraum die Zahl der Neugeborenen, und dieser Zusammenhang ist signifikant. Tatsächlich ist für diesen Zusammenhang die wirtschaftliche Entwicklung ausschlaggebend, die sowohl die Lebensräume der Störche vermindert als auch die Geburtenrate reduziert.]

Die Bedingungen 1-3 sind offenbar erfüllt; um herauszufinden, ob auch Bedingung 4 erfüllt ist, wurden diejenigen Studien herangezogen, die eine statistische Kontrolle erlauben. Von 83 Beziehungen zwischen psychischen Symptomen und Kindesmissbrauch waren 34 (41%) ohne statistische Kontrolle signifikant, nach der statistischen Kontrolle jedoch nur noch 14 (17%). Statistische Kontrolle wurde mittels hierarchischer Regressionsanalyse bzw multivariate Kovarianzanalyse durchgeführt. Diese Reduktion wird stärker, wenn man die Effekte auf Einzelsymptome und nicht auf die Gesamtsymptomatik berechnet, denn die einzelnen Symptome darin sind eng miteinander verknüpft. Gemäß dieser Vorgabe sank der signifikante Anteil um 83% bei Kontrolle der familiären Situation.

Die Autoren schreiben:
„Obwohl weder die Resultate der Analysen der statistischen Kontrolle, noch die Analysen der Relation Kindesmissbrauch – Familiäres Umfeld beweisen, dass der Einfluss des Kindesmissbrauchs auf die psychische Symptomatik vernachlässigbar sind, unterstützen sie nicht die Annahme, dass es eine grundlegende Eigenschaft des Kindesmissbrauchs ist, psychische Verletzungen hervorzurufen.“ (p42)


Statistische Validität und Reliabilität

Test-Retest-Reliabilitäten der Messung von Kindesmissbrauch bzw. familiärem Umfeld betrug bei 2-4 Wochen zwischen 90-97%. D.h. die Angaben der Personen blieben so gut wie konstant innerhalb dieses Zeitraums.

Die Validität einer Regressionsanalyse bei Variablen, die nur dichotom verteilt sind (zB Kindesmissbrauch bestand / bestand nicht) ist fragwürdig. Allerdings kam qualitativ dasselbe Resultat heraus bei Studien, die Kindesmissbrauch sowie familiäre Missbrauchsfaktoren in mehren Intensitätsgraden erfassten (Cole 1988, Wisniewski 1990).

Aus diesen und einigen anderen Validitätsmaßen (bezüglich Schiefheit der Verteilung zwischen Kindesmissbrauch und Nicht-Kindesmissbrauch, geringer Anteil etc) folgern die Autoren, dass die Messungen der Faktoren statistisch valide und reliabel sind.
22.3.06 07:50


Rind. die 5.

Studie von Rind et al, 5. Teil
Andere Einflussfaktoren
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Einflüsse von Drittvariablen

Der Einfluss von moderierenden Variablen wurde mittels multipler Regression auf Stichproben-Ebene berechnet. [Anm von mir: Moderierende Variablen sind solche, die einen Zusammenhang zwischen zwei einer unabhängigen und abhängigen Variablen beeinflussen. Multiple Regression bedeutet, dass man mehrere Variablen in der Korrelation benutzt und berechnet, welchen Einfluss eine einzelne Variable im Gesamtbereich hat, so dass man Interaktionen zwischen den Variablen herauszurechnen versucht. Solche Verfahren sind nicht ganz unproblematisch, aber sehr verbreitet. Sie versagen bei kleinen Fallzahlen, in dieser Metastudie allerdings ist die Fallzahl ausreichend hoch.]

Zunächst wurden drei Moderatorvariablen herangezogen:
1. Art des sexuellen Kontakts (mit / ohne Berührung)
2. Grad der Einwilligung
3. Geschlecht

Es stellten sich 3 signifikante Prädiktoren heraus (5%-signifikant):
1. Einwilligung
2. Geschlecht
3. Interaktion von Einwilligung und Geschlecht

D.h. nicht nur der Grad der Einwilligung und das Geschlecht allein beeinflussen die Stärke des Zusammenhangs von psychischer Symptomatik und Kindesmissbrauch, sondern auch ein aus Einwilligung und Geschlecht zusammengesetzter Faktor. Die Art des sexuellen Kontakts wies keinen signifikanten Einfluss auf.

Es wurde eine Kontrastanalyse durchgeführt, um die Einflüsse der einfachen Prädiktoren (= Variablen, die etwas erklären) gegenüber der Interaktion dieser Faktoren zu bestimmen. Bezüglich der einfachen Prädiktoren Geschlecht bzw. Einwilligung ergab die Kontrastanalyse keine signifikanten Unterschiede, d.h. jede einzelne Variable hat keinen moderierenden Einfluss auf die Beziehung zwischen Kindesmissbrauch und psychischen Auffälligkeiten. In der Tat ergab sich aber ein einflussreicher Effekt in der Interaktion beider Variablen: Während bei Männern der Grad der Einwilligung einen Einfluss hatte, fehlt dieser Einfluss bei Frauen. D.h. die Interaktion bedeutet hier: die Beziehung Kindesmissbrauch - Symptomatik wird dann relativ stark, wenn die Einwilligung fehlt, aber nur bei Männern; bei Frauen (Mädchen zur Zeit des Missbrauchs) ist der Grad der Einwilligung ziemlich gleichgültig für die psychischen Folgen. Es zeigte sich überdies, dass es bei Männern erst dann signifikanten Unterschiede zur Kontrollgruppe (kein Kindesmissbrauch) gibt, sofern Kindesmissbrauch ohne Einwillligung der Person geschah.

Weitere zusätzliche Drittvariablen wurden untersucht, die jedoch keinen signifikanten Einfluss aufwiesen: wie etwa das Studienfach der Befragten, das Alter der Personen beim ersten Kontakt, das Alter der Befragten.

Eine weitere Moderatorvariable, die auf die psychische Symptomatik wirkte, war das Ausmaß von Gewalt, insbesondere beim Inzest. Jedoch wurden solche Zusammenhänge nur von wenigen Studien bereitgestellt, so dass allgemeine Aussagen innerhalb der Metastudie darüber nicht getroffen werden konnten.


Selbstberichtete Bewertungen des Kindesmissbrauch

Einige Studien stellten zu den Daten über tatsächliche psychische Folgen auch Daten über subjektive Bewertungen der Personen zur Verfügung, und zwar als Erinnerungsberichte über die unmittelbaren Reaktionen nach dem Kindesmissbrauch. Es wurden positive, neutrale und negative Bewertungen unterschieden.

___________Frauen_______Männer
positiv _____ 11% ________ 37%
neutral ____ 18% _________ 29%
negativ ____ 72% _________ 33%


Die subjektive Bewertung unmittelbar nach der sexuellen Handlung (allerdings in der Retrospektive) zwischen Frauen und Männern differiert also erheblich: Bei Männern (Jungen) überwiegend positiv bzw neutral, bei Frauen (Mädchen) eher negativ, obwohl auch hier 28% positiv bzw neutrale Einschätzungen zu Protokoll gaben. Dieses Muster wiederholt sich bei Einschätzungen über spätere Wirkungen des Kindesmissbrauchs, d.h. die subjektive Einschätzung der Situation, wie sie objektiv durch die verschiedenen Skalen getestet worden war. Hier gab es Berichte über "Stress im Leben", "sich in Schwierigkeiten befinden", "sich von den Schäden des emotionalen Entwicklung erholen". Männer sahen nahezu keine negativen Effekte auf ihr Sexualleben (je nach Studie zwischen 0.4%-16% bei 8% mittlerer Wert), Frauen bewerteten diese Effekte dagegen etwas stärker (2.2%-24% bei 13% mittlerer Wert), jedoch waren auch bei ihnen die negativen berichteten Folgen in der Minderzahl. In einer Studie waren es 5% der Personen, die über eine starke andauernde Beeinträchtigung ihres Lebens berichteten. Angesprochen auf retrospektive temporäre Schwierigkeiten berichteten eine größere Anzahl Frauen negative Erfahrungen als in ihrer gegenwärtigen Situation (2/3).

Man muss in diesen Selbsteinschätzungen also unterscheiden zwischen
1. Berichten, die sich auf die Situation unmittelbar nach dem Missbrauch beziehen, hier unterscheiden sich Männer und Frauen stark in der Selbsteinschätzung
2. Berichten, die sich auf Schäden in der emotionalen Entwicklung beziehen, hier wurden nur sehr wenig negative Einschätzungen gefunden, sowohl bei Männer wie bei Frauen
3. dann Berichten, die sich bleibende Schäden beziehen, auch hier findet man nur sehr wenige negative Selbsteinschätzungen
4. und schließlich Berichten, die sich auf momentane, aber vorübergehende Schäden beziehen (hier berichten 2/3 der Frauen über Schäden).

Die Autoren schreiben [eigene Übersetzung]: "Diese Daten implizieren, dass in der College-Population (a) der Kindesmissbrauch die Geschlechter unterschiedlich beeinträchtigt; (b) bleibende Schäden stechen nicht hervor; und (c) wenn negative Effekte auftreten, sind sie oft vorübergehend, was bedeutet, dass sie häufig sind, nicht aber intensiv. Diese Befunde sind inkonsistent mit der Annahme, das der Kindesmissbrauch unabhängig vom Geschlecht wirkt, und dass er intensiv ist in Hinsicht auf schädliche Effekte." (p38)

Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede bei berichteten Reaktionen unmittelbar nach dem Kindesmissbrauch, berichteten retrospektiven Reaktionen und vermuteten längerfristigen Effekten des Kindesmissbrauch zeigten sich auch in der Metaanalyse mit Effektstärken von .31, .34 und .22; alle auf dem 5%-Niveau signifikant.
21.3.06 09:53


Rind, die 4.

Studie von Rind et al, 4. Teil
Aktuelle Metastudie, Grundauszählungen
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Aktuelle Untersuchung

In der vorliegenden Metaanalyse wurden College-Stichproben verwendet, da sie die meisten nichtklinischen Daten zur Verfügung stellen, außerdem Daten über Drittvariablen liefern .

Es mag Kritik an College-Stichproben geben:
Die Befragten sind zu jung, um Symptome zu entwickeln, und die Befragten haben mehr Möglichkeiten, mit Symptomen fertig zu werden (weil akademisch gebiledet).
Gegenargument hierzu:
(a) Nach Neumann et al (1996) unterschieden sich Ältere und Jüngere nicht, was Kindesmissbrauch betrifft.
(b) Effektstärken von College-Samples waren gleich denen der Landes-Population.

[Kritikpunkt von mir: Auch wenn das zutreffen mag, so ist doch die College-Population eine andere als die allgemeine Bevölkerung, selbst wenn in den USA die Mehrzahl der Jugendlichen irgendwann mal auch aufs College geht.]


Datenmaterial

Zum Datenmaterial s. 28 im Manuskript; Daten wurden erhoben zwischen 1965-1995. Es mussten Collegedaten enthalten sein mit Kindesmissbrauch-Erfahrung und mit Kontrollgruppen ohne Kindesmissbrauch-Erfahrung. Es mussten Daten vorliegen zu den verschiedenen Symptomgruppen.

Methodik: Um Effektgrößen vergleichbar zu machen, wurden verschiedene Messverfahren (zB Depressionsskala) mittels Fisher's Z transformiert. Die Effektstärke wurde auf jedes einzelne Symptom berechnet, außerdem noch für jede Studie einzeln. Dann wurde einmal eine durchschnittliche Effektstärke über eine Stichprobe berechnet, zum zweiten eine Metaanalyse über die verschiedensten Stichproben zu einem Symptom.

So erhielt man 59 Studien, darunter 23 unveröffentlichte, mit 70 unabhängigen Stichproben; damit konnte man 214 symptombezogene Effektstärken gewinnen. Damit standen zur Berechnung von symptonspezifischen Effektstärken 15824 Personen zur Verfügung; zur Berechnung von Intensitätsmaßen 35703 Personen.

[Anm von mir: Also eine recht große Anzahl. Bei solchen Anzahlen erhält man fast alle Zusammenhänge signifikant!]

Folgend einzelne psychische Symptome, statistisch gesehen Variablen, die zum Kindesmissbrauch korreliert werden konnten:

1. Alkoholprobleme
2. Angst
3. Depression
4. Dissoziative Erfahrungen
5. Essstörungen (Bullimie)
6. Feindlichkeit
7. Interpersonale Empfindlichkeit
8. Kontrollverlust
9. Besessenheitsvorstellungen
10. Paranoia
11. Phobien
12. Psychosen
13. Selbstachtung
14. Sexuelle Selbstachtung
15. Interpersonale Probleme und soziale Anpassung
16. Somatische Beschwerden
17. Selbstmordabsichten
18. Allgemeines Wohlbefinden

Die quantitative Metaanalyse wurde über eine gewichtete Fisher-Z-Transformation (mit N-3 Freiheitsgraden) bewerkstelligt, so dass man als Vergleichsmaß die unverzerrte geschätzte Effektstärke r(u) gewann; getestet wurde auf dem 5%-Signifikanzniveau. Gleichzeitig wurden alle statistischen Analysen von zwei Forschern unabhängig voneinander durchgeführt (Rind und Tromovitch), um subjektive Ratings-Verzerrungen auszuschalten. [Anm von mir: Tatsächlich ist es so, dass verschiedene Kodierer oft zu verschiedenen Ergebnissen kommen.]


Definition des Kindesmissbrauchs

Die herangezogenen Studien definierten Kindesmissbrauch sehr unterschiedlich: die meisten gingen von einer erheblichen Altersdifferenz (die meisten mehr als 5 Jahre Unterschied) aus. Dabei unterschieden nur wenige einvernehmlichen und nichteinvernehmlichen Sex (letzteres nur bei 20% der Studien). Was das Alter betrifft, konzentrierten sich die meisten Studien auf ein Maximalalter von 16-17, nur 1/4 der Studien beschränkte sich auf ein Alter unter 14 Jahren.

Dabei zeigte sich folgende Verteilung der Häufigkeit von Kindesmissbrauch (gemäß studienspezifischer Definition):

Männliche Jugendliche 14%
Weibliche "" 27%

Zur Unterscheidung wurden 4 verschiedene Typen des Kindesmissbrauchs nach Grad der Intimität unterschieden:

1. Geschlechtsteile herzeigen (Exhibitionismus)
2. Fummeln (Berühren, Masturbation)
3. Oraler Sex
4. Geschlechtsverkehr

Diese 4 Typen des Kindesmissbrauch verteilen sich wie folgt:

| 1 2 3 4
---------+------------------
weiblich | 32% 39% 3% 13%
männlich | 22% 51% 14% 33%
---------+------------------
gesamt | 28% 42% 6% 17%

Verteilung des Kindesmissbrauchs nach Verwandtschaftsnähe: engere vs weitere Verwandtschaft:

Wider Family Kindesmissbrauch College (a)
Wider Family Kindesmissbrauch National (b)
Close Family Kindesmissbrauch College (c)
Close Family Kindesmissbrauch National (b)

% a b c d
-----------------------
female 37 34 20 15
male 23 13 8 4
-----------------------
combined 35 26 16 11

Die nationalen Daten wurden dagegengehalten, um die statistische Güte der benutzten Studien einzuschätzen; es zeigt sich, dass die Studien einen leicht höheren Anteil von Kindesmissbrauch offenbarten als die nationalen Studien.


Größe des Zusammenhangs zwischen Kindesmissbrauch und psychologischen Störungen

Über alle Studien hinweg fand sich zwischen Kindesmissbrauch und psychischen Störungen eine schwache allgemeine Effektstärke von r = .09, die jedoch signifikant von 0 verschieden war. Dieser Wert bedeutet aber auch, dass Kindesmissbrauch für weniger als 1% der Varianz der psychischen Störungen zuständig ist. Die Autoren schreiben hierzu [meine Übersetzung]: "Die geringe unverzerrte Effektstärke besagt, dass in der College-Population die Größe des Zusammenhangs zwischen Kindesmissbrauch und psychischen Anpassung gering ist, was der Annahme widerspricht, dass Kindesmissbrauch typischerweise mit hohem Schaden verknüpft ist."


Die Ergebnisse im einzelnen:

Einzel-Symptom Effektstärke r
------------------------------------------------
Alkoholprobleme .07
Angst .13
Depression .12
Dissoziative Erfahrungen .09
Essstörungen (Bullimie) .06
Feindlichkeit .11
Interpersonale Empfindlichkeit .10
Kontrollverlust .04
Besessenheitsvorstellungen .10
Paranoia .11
Phobien .12
Psychosen .11
Selbstachtung .04
Sexuelle Anpassungsfähigkeit .09
Soziale Anpassungsfähigkeit .07
Somatische Beschwerden .09
Selbstmordabsichten .09
Allgemeines Wohlbefinden .12

Alle Effektstärken (außer Kotrollverlust) sind auf dem 5%-Niveau signifikant, jedoch erklärt Kindesmissbrauch kaum mehr als 1% der Varianz innerhalb eines bestimmten psychischen Verhaltensbereichs.
20.3.06 08:36


Rind, die 3.

Studie von Rind et al, 3. Teil
Quantitative Literaturübersicht
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Es werden 3 verschiedene Metaanalysen untersucht, d.h. Studien, deren Datenmaterial aus anderen, veröffentlichten oder unveröffentlichten Studien stammen.

1. Studie von Jumper (1995)
26 veröffentlichte Studien mit 30 Stichproben wurden untersucht. Es wurden einzelne psychische Symptome in ihrer Beziehung auf den Kindesmissbrauch getestet und ein Pearsonscher Korrelationskoeffizient r von .27 gefunden. Dieser Wert war bei kommunalen und klinischen Studien ähnlich, bei Studentensamples jedoch nichtsignifikant (r=.09). Zwischen Selbstwertgefühl und Kindesmissbrauch ergab sich bei klinischen und kommunalen Stichproben ein r=.34, bei Studenten jedoch -.02; ersterer signifikant, letzterer nichtsignifikant.

2. Studie von Neumann et al (1996)
38 Studien wurden herangezogen mit ausschließlich weiblicher Population, zur Hälfte klinische Stichproben. Sie maßen eine Effektgröße (Cohen's d) von d=.37; nimmt man Pearson's r, ergab sich r=.14 - eine kleinerer Effekt als in der Studie von Jumper. Bei den klinischen Studien ergab sich r=.19, den nichtklinischen r=.12.

3. Studie von Rind und Tromovitch (1997)
Es wurden 7 männliche und 7 weibliche landesweite Zufallsstichproben verschiedener westlicher Länder verglichen. Der Zusammenhang zwischen Kindesmissbrauch und Verhaltensparameter war bei Männern r=.07 und bei Frauen r.=10; dagegen ergaben sich weitaus stärkere Zusammenhänge zu subjektiven Effekten des Kindesmissbrauchs nach Selbsteinschätzung. Verschiedene Dritt-Variablen wie emotionale Vernachlässigung oder körperlicher Missbrauch wurden hierbei jedoch nicht kontrolliert, was eine Interpretation erschwert.

Weitergehende Effekte:

- Die vorliegenden Studien konnten über Kausalität keine Aussagen machen, da die entsprechenden moderierenden Variablen (familiärer Kontext) nicht erhoben wurden.
- Die Größe des statistischen Zusammenhangs zwischen Kindesmissbrauch und psychischen Problemen (zB Depression) ist nicht allzu stark.
- Es gab Hinweise auf eine Geschlechterdifferenz in der Stärke der gemessenen Zusammenhänge, jedoch war er nicht klar und deutlich nur in der Selbstattribuierung ausgeprägt.


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Hinweise für Leute mit schwachen Statistik-Kenntnisse:

- Der Korrelationskoeffizient (auch Effektstärke), der hier immer wieder vorkommt, ist ein Maß, die Stärke eines linearen Zusammenhangs zwischen zwei Faktoren zu bestimmen. Nehmen wir als Beispiel Größe und Gewicht. Man darf annehmen, dass zwischen der Größe eines Menschen und seines Gewichts ein gewisser Zusammenhang besteht, der zunächst mal so aussieht: je größer, desto schwerer. Jeder Übergewichtige weiß allerdings, dass dem nicht so ist D.h.: messen wir nun Größe und Gewicht einer zufälligen Stichprobe von Personen, dann wird sich ein "gewisser" statistischer Zusammenhang zwischen Größe und Gewicht ergeben, aber eben kein 100%iger. Ein Korrelationskoeffizient zwischen diesen beiden Größen würde dann ermitteln, wie stark der Zusammenhang zwischen ihnen ist. Man sagt dann auch: x% der Varianz (= Streuung) des Gewichts wird statistisch "erklärt" durch die Größe. Diesen Erklärungsfaktor gibt der Korrelationskoeffizient an (bzw sein Quadrat). Wohlgemerkt: mit Statistik wird nichts erklärt. Nur eine Theorie erklärt etwas.

- Das Signifikanzniveau bestimmt die statistische Güte eines Zusammenhangs. Wenn man zB annimmt, dass A sich nicht von B unterscheidet (Nullhypothese), dann heißt die Wahrscheinlichkeit, diese Nullhypothese zu verwerfen, obwohl sie zutrifft, Fehler der 1. Art, und die Schwelle, unter der man diesen Fehler hinnimmt, heißt dann Signifikanzniveau. Wenn man sagt, das Ergebnis sei zu 5% signifikant, meint man also damit, A unterscheidet sich von B, allerdings gibt es ein Restrisiko von 5%, dass dies falsch ist.
19.3.06 07:10


Rind, die 2.

Studie von Rind et al, 2. Teil
Qualitative Literaturübersicht
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In den Medien wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass Kindesmissbrauch zu negativen Effekten der psychischen Anpassungsfähigkeit führt. Seligman (1994) beschreibt Kindesmissbrauch als "Vernichter der erwachsenen seelischen Gesundheit", und viele psychopathologischen Erscheinungen des Erwachsenenlebens wurden damit in Verbindung gebracht, vor allem das posttraumatic stress disorder sei eine solche Folgeerscheinung.

4 Vorwürfe werden vor allem erhoben:

- Kindesmissbrauch verursacht Schäden (Kausalität)
- diese Schäden durchdringen die gesamte Persönlichkeit eines Missbrauchsopfers (Effektivität, pervasiveness)
- diese Schäden sind stark (Intensität)
- und bei Mädchen und Jungen gleichermaßen verteilt (Geschlechtsneutralität).

Der Begriff des Kindesmissbrauchs ist problematisch, da er zwei Elemente miteinander vermengt:

- Missbrauch als Verletzung, der durch die sexuelle Aktivität selbst hervorgerufen wird
- Missbrauch als Verletzung einer sozialen Norm bzw eines Gesetzes.

So wird Kindesmissbrauch unterschiedslos als Bezeichnung etwa einer Vergewaltigung eines 5jährigen Mädchens durch ihren Vater und einer einvernehmlichen sexuellen Beziehung zwischen einem 15jährigen Jungen und einem Erwachsenen verwendet, wobei nur das erste Beispiel wirklichen Schaden verursacht. Trotz dieser terminologischen Schwächen wurde der Begriff „Kindesmissbrauch“ in dieser Studie beibehalten, weil er auch in den betrachteten Studien verwendet wurde. Kindesmissbrauch wird demnach definiert als:

„als sexuelle Interaktion, die entweder physischen oder keinen Kontakt impliziert (zB Exhibitionismus) zwischen einem Kind / Jugendlichen und jemandem bedeutend älteren, oder zwischen Gleichaltrigen, die Kinder oder Jugendliche sind, sofern Zwang im Spiel ist.“ (p23)


Qualitative Literaturübersicht
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Kausalität

Mehre Studien ordnen dem Kindesmissbrauch eine kausale Wirkung auf psychische Probleme des Erwachsenenlebens zu, allerdings argumentieren sie ins Blaue hinein und berücksichtigen Drittvariablen wie den familiären Hintergrund nicht.


Effektivität

Unter Effektivität soll die Annahme verstanden werden, dass Kindesmissbrauch auf die meisten Beteiligten Auswirkungen hat.

Verschiedene Studien zeigen unterschiedliche Wirkungen von Kindesmissbrauch. Constantine (1981) sowie Beitchman et al (1991) sprechen sogar davon, dass es keine konsistente Menge von Reaktionsmustern auf Kindesmissbrauch gibt und dass die negativen Effekte, die in manchen Studien auftauchen, darauf beruhen, dass sie aus klinischem Material gewonnen wurden (d.h. bei ambulanten oder stationären Patienten), dort aber ausschließlich Leute mit psychischen Problemen behandelt werden.

Es gibt allerdings eine Reihe von Forschern, die negative Wirkungen von Kindesmissbrauch behaupten:

1. sie vermuten Korrelationen zwischen Kindesmissbrauch und verschiedenen psychischen Symptomen
2. fehlen diese negativen psychische Symptome bei Opfern von Kindesmissbrauch, so vermuten sie, dass diese erst noch ausbrechen. Sie folgern daraus, dass negative Symptome immer ausbrechen müssen, auch wenn sie nicht beobachtet werden. [Anm von mir: aha!]
3. sie weisen nicht auf die Begrenztheit klinischer Studien hin


Intensität

Es gibt Studien, die nahezu keine psychischen Unterschiede zwischen Menschen mit Kindesmissbrauch-Erfahrung und ohne feststellen, andere sehen keine negativen Effekte in nicht-klinischen Populationen. Wieder andere verweisen auf "extremen psychischen Stress", "klare schädliche Effekte" wie Posttraumatic Stress Disorder und Selbstverstümmelung.


Geschlechtsverteilung

In manchen Studien wurde festgestellt, dass Mädchen eher negativ reagieren als Jungen, die wiederum neutrale oder positive Einstellungen zu ihrem sexuellen Missbrauch äußern. Andere Studien sprechen von gleichen Wirkungen bei beiden Geschlechtern und nennen die These, dass Jungen weniger stark beeinträchtigt sind, einen Mythos.


Zusammenfassung der qualitativen Analyse

Die Zusammenstellung zeigte unterschiedliche Ansichten der Kausalität sowie unterschiedliche vermutete Folgen der Kindesmissbrauch. Es zeigt sich aber auch eine statistische Verzerrung der Samples:

1. qualitative Literaturüberblicke basierten bislang meist auf klinischen oder kriminologischen Studien, die jedoch für die Gesamtheit der Menschen mit einer Kindesmissbrauch-Erfahrung nicht repräsentativ sind
2. In einer Studie von Okami (1991), in der verschiedene Populationen (klinische und nicht-klinische) betrachtet wurden, konnte gezeigt werden, dass diejenigen Personen, die negativ auf ihre Kindesmissbrauch-Erfahrung reagierten, vor allem dann auch psychische Verhaltensauffälligkeiten aufwiesen, sofern sie auch in klinischer Behandlung waren. Dieses Ergebnis führt im Endeffekt zu sehr starken statistischen Verzerrungen, sobald nur klinische Studien herangezogen werden.
3. Klinische Patienten suchen nach Ursachen, die ihre seelischen Probleme erklären können, und attribuieren sie mit Vorliebe auf ihre Kindesmissbrauch-Erfahrung, darin werden sie unterstützt von Therapeuten, die ebenfalls im Kindesmissbrauch die Ursache seelischen Leids sehen und dadurch ihre Erwartungen an die Patienten weitergeben.
4. Eine qualitative Metaanalyse ist sehr anfällig für subjektive Wertungen und daher mit Vorsicht zu genießen.
18.3.06 09:23


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